Der Gentrifizierung entgegenbauen

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Im Verlauf des Lebens verändern sich Anforderungen und Bedarfe an benötigten und gewollten Wohnraum. Erst kommt der oder die Partnerin hinzu, dann können Kinder die Familie erst vergrößern und später wieder verkleinern, so dass sich der Platzbedarf wandelt. Hinzu kommt die Herausforderung im Alter, dass so manche Person nicht mehr uneingeschränkt mobil und deshalb auf barrierefreien Wohnraum angewiesen ist.

Die Flexibilität des Wohnungsmarktes ist eine Lösung, diesen familiären und persönlichen Veränderungen zu begegnen. In Berlin, Hamburg und anderen Städten entstehen als andere Möglichkeit seit einigen Jahren neue Bauprojekte, die der Gentrifizierung entgegenwirken können. Interessenten finden sich zusammen und entwickeln und realisieren Konzepte wie Generationenhäuser, Wohnquartiere, Nachbarschaftshäuser. Die Ideen dahinter sind vielfältig, der Ansatz aber oft ähnlich: Menschen suchen sich gemeinsam – im Optimalfall gleich in ihrem Viertel – ein Baugrundstück, das sie mit einem Mehrparteienhaus selbst bebauen (lassen).

Anders als bei Bauvorhaben durch Bauunternehmer, die schnell die Gentrifizierungsgegner auf die Straße rufen, sind einige diese Projekte damit gezielt darauf angelegt, das Viertel mit seinem Milieu zu sichern, indem diejenigen, die schon lange hier leben, sich hier dauerhaft niederlassen. Dass Gentrifizierungsgegner nicht immer diesen Unterschied wahrnehmen und deshalb zur Stimmungsmache auch gegen derartige Bauvorhaben aufrufen, bleibt nicht aus und ist dem Zeitgeist geschuldet.

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(c) “Tischtennis” von Carsten Bach, www.flickr.com/photos/carstingaxion/, CC BY 2.0.de

Je intensiver die Gemeinschaft ist, desto leichter lassen sich besondere Akzente setzen. Eine Schmutzschleuse, eine Gemeinschaftsküche und ein WC im Erdgeschoss sind sinnvolle Elemente, wenn das Grundstück oder der Innenhof für gemeinsame Feste und zum Spielen unkompliziert genutzt werden soll. Großzügige, ebenerdige Fahrradräume oder gleich Platz für eine Krippe, ein (eigenes) Geschäft oder andere zusätzliche Angebote sind denkbar, um das Gebäude mit dem Viertel zu verknüpfen. Die Überlegung, einen Fahrstuhl zu integrieren, findet um so eher Zustimmung, je mehr die einzelnen Menschen in diesem Haus alt werden möchten.

Besonders interessant werden diese Bauprojekte, wenn sie so flexibel entwickelt sind, dass sich Wohnungen ohne Probleme verkleinern, vergrößern oder zusammenlegen lassen und die neue Raumaufteilung von sich aus ihren eigenen Charme besitzt. Die Konzepte sind so zu entwickeln, dass man nicht auf einmal vor einer Wand steht, die dem Raumempfinden widerspricht. Verschlossene Durchgänge sollten nicht mehr als solche erkennbar sein. Und eine Küche muss problemlos sinnvoll nachgerüstet werden können. Auch an entsprechende Bäder(-vorrichtungen) ist zu denken. Am einfachsten lässt sich dies natürlich mit einem langen Wohnungsflur an der Außenwand erreichen, von dem aus alle Räume auf der anderen Seite abgehen. Aber ob dieser Grundriss dazu geeignet ist, Wohnatmosphäre zu schaffen, bleibt abzuwarten. Individuelle, unterschiedliche Konzepte sind hier gefragt und bieten für (Innen-)Architekten vielfältige Möglichkeiten, sich ein Denkmal zu setzen.

 

Titelfoto: (c) “Hauseingang 127 mit Kicker und Affenkunst” von Carsten Bach, www.flickr.com/photos/carstingaxion/, CC BY 2.0.de

Deutschland 2050 – ein Land unendlicher Weiten und pulsierender Inseln?

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Metropolen werden in Deutschland weiter wachsen, breite Landstriche dagegen vereinsamen – so die Erkenntnis einer neuen Studie des IWD. Dieses Ergebnis überrascht nicht. Denn bereits jetzt schrumpft die Bevölkerung und erleben die Metropolen großen Zuspruch, so dass die Menschen dafür ja irgendwo herkommen müssen. Je weniger Personen dann in einer ländlichen Region oder Kleinstadt leben, desto schwieriger wird es, eine attraktive Infrastruktur aufrecht zu erhalten, von neuen Impulsen ganz zu schweigen. Dass diese Menschen dann eher motiviert sind, in Ballungsgebiete zu ziehen, verwundert nicht und setzt eine Spirale nach unten in Gang.

Städte wachsen nach außen

Die größten Zuwächse sehen die Forscher für München (+13,5 %), Hamburg (+7,1 %), Frankfurt (+6,8 %) und Berlin (+6,4 %). Interessant ist, dass die stärkste Zunahme nicht in München selbst, sondern in dessen Umland erwartet wird – Erding mit 15,8 %, Ebersberg mit 14,5 %, Dachau mit 13,8 % und Freising mit 13,6 %. Diese Entwicklung sollte Hamburg zu denken geben. Denn anders als die bayrische Landeshauptstadt ist Hamburg ein Stadtstaat mit begrenzter Fläche, dessen Umland zu zwei bzw. drei anderen Bundesländern gehört.

Innerhalb Hamburgs Grenzen und damit eben nicht in Schleswig-Holstein, Niedersachen oder Mecklenburg-Vorpommern zu wohnen, ist attraktiv – egal, ob diese Sichtweise aus Vermarktungs- und Identitätsgründen künstlich auf die Spitze getrieben wurde oder nicht, denn, unter uns gesprochen, gibt es Hamburg in dieser Form ja noch nicht so lange. Auch hier zeichnet sich jedenfalls eine ähnliche Entwicklung ab. So werden den Kreisen Pinneberg (+3,6 %), Stormarn (+4,9 %), Lauenburg (+ 2,6 %) und Segeberg (+2,8 %) in Schleswig-Holstein sowie den Landkreisen Stade (+3,4 %), Harburg (+ 4,6 %) und Lüneburg (+ 6,3 %) auf der anderen Seite Hamburgs in Niedersachsen Zuwächse prognostiziert. Doch diese Gebiete befinden sich eben in anderen Bundesländern, so dass die dort eingenommenen Steuergelder angesichts deren unendlichen Weiten eben nicht unbedingt direkt in die Region zurückfließen, was die Entwicklung der Metropole bremsen kann.

Ländergrenzen stören die urbane Entwicklung

Was ist die Folge? Je mehr Menschen nach Hamburg ziehen wollen, desto begrenzter wird das Wohnraum-Angebot, so dass die Preise steigen. Steigende Preise sorgen aber dafür, dass diejenigen, die für das kreative, kontrastreiche Flair der Stadt verantwortlich sind, keinen bezahlbaren Wohnraum finden und damit die Stadt verlassen. Trabantenstädte wie um Paris und London herum sind denkbar, aber angesichts der unendlichen Weiten im Hamburgs Hinterland noch schwer vor- und lokalisierbar. Es droht die Gefahr, dass die Stadt ausblutet.

Ergreift die Stadt Gegenmaßnahmen, können diese aufgrund des begrenzten Wirkungskreises nur zu Lasten des zur Verfügung stehenden Wohnraums pro Kopf gehen. Schnell wird es dann einigen in der Stadt zu eng werden, die sich nach großzügigeren Gebieten umsehen werden, um dort ihre Freizeit zu genießen. In der Regel werden das diejenigen sein, die über die nötigen finanziellen Mittel verfügen, um sich die längeren Wege noch leisten zu können. Als Folge werden sich auch entsprechende Unternehmen vor den Toren der Stadt ansiedeln, um die Kaufkraft nun dort einzusammeln – zum Nachteil der Stadt. Setzt man diesen Gedanken fort, könnte ein Szenario sein, dass wir uns im Gegenzug wieder an Wegzoll – neudeutsch: Mautgebühren – an virtuellen Stadtmauern gewöhnen müssen, damit Hamburg seine Infrastruktur aufrecht erhalten kann (also keine Autobahn-, sondern eine Stadtmaut, Herr Seehofer).

Das klingt jetzt sicherlich noch sehr abwegig, aber unmöglich ist eine derartige Entwicklung nicht. Schließlich muss das Geld ja irgendwo herkommen. Geht man noch einen Schritt weiter, könnte das Ausbluten der Stadt dann wiederum dazu führen, dass die Stadt wieder für Kreative erschwinglich wird, damit erneut an Anreiz gewinnt und sich die Geschichte wiederholt.

Kontrastprogramm „Unser Dorf hat Zukunft“

Diesen Gedanken kann man beliebig weiterspinnen, was durchaus seinen Reiz hat, wir hier aber nicht übertreiben wollen. Dennoch zeigen allein diese wenigen Gedanken, wie problematisch die Situation für Metropolen wie Hamburg ist, die sich über mehr als ein Bundesland erstrecken. Die Neustrukturierung von Deutschland auf Basis seiner Metropolen wäre ein denkbarer Ausweg, dieser Entwicklung gerecht zu werden – wenn sie denn so kommt.

Denn es gibt auch Alternativen: Bereits zum 24. Mal fand in diesem Jahr der Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ auf Bundesebene statt. Aus der Metropolregion Hamburg gewannen die Dörfer Bohlsen im Landkreis Uelzen (-5,2 %), Dechow im Landkreis Nordwestmecklenburg (-5,3 %)und Witzeeze im Landkreis Herzogtum Lauenburg (+2,6 ) mit ihrer Strategie, sich auf sich selbst zu konzentrieren und in diesem Sinne ursprünglich und damit authentisch zu sein. Wir werden mit Sicherheit noch öfters auf diesen Themenkomplex zu sprechen kommen. Ein Hinweis zu den Werten: Alle Angaben sind Mindestwerte, für die von einer konstanten Wohnflächennachfrage pro Person ausgegangen wird. Alle Informationen findet Ihr hier.

 

Foto: (c) “It’s a long way to Rostock” von Colognid, www.flickr.com/photos/colognid/, CC BY 2.0-Lizenz